Seit 200 Jahren auf zwei Rädern unterwegs

Mannheimer Ausstellung im Landesmuseum gedenkt der Entwicklung des Fahrrades -

Das Fahrrad: Wer hat‘s erfunden? Man glaubt es kaum, ein Mannheimer wars. Genau genommen ein Karlsruher, der in Mannheim lebte: der Forstmeister und Erfinder Karl Freiherr von Drais. Die allererste Fahrt mit seiner Laufmaschine, auch später Draisine genannt, führte über 14 Kilometer von der Mannheimer Innenstadt zum Relaishaus, das heute zu Mannheim-Neckarau gehört und zurück. Fast 200 Jahre ist das heute beliebte Fortbewegungsmittel und Sportgerät nun alt und für würdig befunden im Technoseum in Mannheim mit einer eigenen Ausstellung bedacht zu werden, die durchaus sehenswert ist. Die Ausstellung ist Teil von vielen Aktionen und Projekten rund um das Thema Fahrrad (mehr unter http://www.monnem-bike.de/), die die Stadt Mannheim bis zum September 2017 veranstalten. Auf 800 Quadratmeter werden 100 Fahrräder und weitere 250 radspezifische Objekte wie Leuchten, Reifen, Werbetafeln und gar ein altes Fahrradgeschäft gezeigt. Die Ausstellung macht – und das war mir bisher nicht bewusst – deutlich: die technische Entwicklung von der Draisine bis zum heutigen Fahrrad besteht aus nur wenigen Schritten. 1817 Das erste Laufrad Es beginnt 1817 mit der Laufmaschine von Karl Drais: zwei gleichgroße Laufräder und eine horizontale Stützkonstruktion mit Lenkachse aus Holz. Er lässt sich seine Konstruktion per Patent sichern und stellt – das finde ich bemerkenswert – die erste Werbebroschüre zur Produktkommunikation her, dennoch hat er wenig Erfolg. Trotz Futterknappheit für die Pferde, die zu dieser Zeit das Haupttransportmittel darstellen, wollen nur wenige seine handgefertigten Laufräder kaufen, deren Benutzung wird gar in den Städten verboten. 1869 Velociped mit Tretkurbel 1869 wird eine neue Konstruktion in Frankreich der Öffentlichkeit präsentiert: das Velociped. Der deutlich verschlankte Rahmen ist aus Metall mit einem größeren Vorderrad, einem kleineren Hinterrad und einer Tretkurbel am Vorderrad. Vor allem um schneller zu werden, wird das Hochrad entwickelt, das sich nicht durchsetzen kann und gegen Ende des 19ten Jahrhunderts wieder verschwindet. Es ist zu gefährlich. 1890 Sicherheitsniederrad Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts wird das Sicherheitsniederrad entwickelt und findet nach anfänglichen Formenspiel schnell seine endgültige Bauweise, die bis heute die Grundform eines klassischen Fahrrades darstellt: ein trapezförmger Rahmen mit dreieckigem Hinterbau, zwei gleichgroßen Rädern und einem Kettenantrieb. Sind wir mal ehrlich, seither hat sich doch nicht so viel getan. Die Anwendung der Pneumatik durch den Reifenpionier John Boyd Dunlop, der 1888 das erste Patent für den Fahrradluftreifen anmeldete, vielleicht noch die Kettenschaltung (1938 – wird aber explizit nicht in der Ausstellung angemerkt), Federung (erst seit den 90gern) und E-Integration (gab es auch schon 1950). Interessant, dass heute bespielsweise Reifengrößendifferenzen wie 27, 27,5 und 29 schon zu Turbulenzen führen. Neben der technischen Entwicklung wird auch die wirtschaftliche und soziale Bedeutung des Fahrrads dokumentiert. War es zunächst nur ein Luxus- und Sportobjekt für Privilegierte, wird es zu Beginn des 20ten Jahrhunderts zum Verkehrsmittel der Massen, das seinen Status erst mit dem beginnenden PKW-Boom ab den 50ern verliert. Zu Beginn unseres dritten Jahrtausends ist das Fahrrad je nach Besitzer ein cooles Sportobjekt, kultiges Statussymbol oder umweltfreundliches Verkehrsmittel, das den totalen Verkehrskollaps in den Städten verhindern kann. Alles in allem ist es eine sehr informative und runde Ausstellung, die ich empfehle. Zwei Punkte möchte ich dennoch kritisch anmerken. Zum einem kommt mir der sportliche Aspekt des Themas Rad viel zu kurz. Zwar wurde „um die Kurve zu kriegen“ der Abschnitt einer Bahnradbahn mit Exponaten aufgebaut, aber das war es dann auch schon. Hier hat man es dann zudem geschafft die Mannheimer Radprofis Rudi und Willi Altig mit keinem Wort zu erwähnen?! Rudi Altig war immerhin Bahn Weltmeister in der Einerverfolgung und gehörte mit zu den erfolgreichsten deutschen Radprofis, die es je gegeben hat. Dass Rennradfahren und Mountainbiken heute Massen- und Trendsportarten sind, die einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Rades nehmen, wird auch außer Acht gelassen. Fahrräder sind gesunde, umweltfreundliche und schnelle Verkehrs- und Transportmittel und können dem innerstädtischen Verkehrskollaps entgegen wirken. Dieses Statement hätte ich mir als Ausrufezeichen am Ende der Ausstellung gewünscht.

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bikegeisterung

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